Deutschland verliert Gründerdynamik

FDP fordert Startup-Stipendium und mehr Kapital für innovative Unternehmensgründer

 

Am Ende des Jahres 2016 wird es in Deutschland etwa 33.000 weniger Unternehmen geben als zu Beginn des Jahres. Wie im vergangenen Jahr geht auch die Anzahl der Unternehmensneugründungen in 2016 spürbar zurück. Wirtschaftsexperten machen dafür u.a. eine schlechte Gründerkultur in Deutschland sowie zu geringes Risikokapital verantwortlich. Das ist das Ergebnis einer Studie der HHL Leipzig Graduate School of Management im Auftrage der FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz, die auf der Startup-Session der FDP-Fraktionen im Mindspace Berlin vorgestellt wurde.

 

HHL Rektor Prof. Dr. Andreas Pinkwart wies darauf hin, dass die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands maßgeblich von der Innovationskraft und von erfolgreich sowie schnell wachsenden Unternehmensgründungen abhängig ist. „Die Bedingungen für innovative Startups sind in Deutschland aber nicht gut genug, um eine Trendwende zu mehr Gründungen einleiten zu können“, so Pinkwart. In anderen Ländern, wie etwa den USA oder China, stünde bis zu 20 Mal mehr Wachstumskapital für neue Unternehmen zur Verfügung.

„Deutschland braucht mutigen Gründergeist und erfolgreiche Startups. Dazu ist mehr Wagniskapital erforderlich, wenn sich deutsche Gründer mit Innovationen und neuen Geschäftsideen weltweit durchsetzen können sollen. Bisher müssen Gründer in Deutschland das Risiko fast vollständig alleine schultern. Das dämpft die Dynamik“, sagte Christian Dürr, Sprecher der FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz und Vorsitzender der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag. Die HHL-Forscher schlagen dazu vor, die Investitionsbedingungen für Wagniskapital von privaten wie institutionellen Anlegern steuerlich attraktiver zu gestalten.

Christian Lindner, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen und Bundesvorsitzender der FDP machte deutlich: „Mit der Digitalisierung und Globalisierung sind umwälzende Veränderungen verbunden – für alle Lebensbereiche, alle Branchen und bestehende Geschäftsmodelle. Wir wollen, dass Deutschland von der digitalen Revolution profitiert. Startups helfen uns, aus dem Strukturwandel eine Erfolgsgeschichte zu machen. Dafür müssen aber die Bedingungen für Gründer besser werden: mehr Mut, einen positiven Gründergeist, weniger Bürokratie, eine effektive Förderung von innovativen Unternehmensgründern und einen flexibleren Arbeitsmarkt.“

Lindner und Dürr unterstützten den Vorschlag der HHL, ein Startup-Stipendium einzuführen. Damit soll das persönliche Risiko in der Frühphase einer Unternehmensgründung für die Gründer verringert werden. HHL-Rektor Pinkwart erläuterte: „Die Vergabe des Startup-Stipendiums kann durch erfahrene und dezentral agierende Institutionen wie Inkubatoren, Akzeleratoren oder Technologiegründerzentren zielgerichtet erfolgen.“

 

 

Ergebnisse der HHL-Studie:

 

Allgemeine Ergebnisse:

 

Gründungsdynamik geht zurück:

  • Gründungen in D. 2013: 422.000 Unternehmen
  • Gründungen in D. 2014: 396.000 Unternehmen
  • Gründungen in D. 2015: 388.000 Unternehmen
  • Gründungen in D. 2016: Für 2016 liegt noch keine absolute Schätzzahl für die Gesamtzahl der Unternehmensgründungen vor. Allerdings geht das Institut für Mittelstandsforschung (IFM) erneut von einem Rückgang aus, der insbesondere durch einen Rückgang bei den gewerblichen Gründungen um fast 6 Prozent begründet sein wird.

 

Saldo der gewerblichen Existensgründungen und Liquidationen:

  • 2005: + 54.000
  • 2010: + 33.000
  • 2015: - 29.000
  • 2016: - 33.000 (geschätzt)

(HHL-Studie S. 8, Daten für das 2. Hj 2016 wurden vom IFM geschätzt)

 

Ursachen sinkender Gründerdynamik (neben arbeitsmarktbezogenen und sonstigen Einflüssen):

  • Mangelnde Kultur des Scheiterns: 79%
  • Kritische Haltung gegenüber Gründern: 58%
  • Fehlendes Kapital: 47%

(Angaben laut HHL-Delphi-Befragung 2016 zur Charakterisierung der Gründungskultur in Deutschland, Studie S. 9)

 

Gründungsfinanzierung – externe Finanzierungsquellen:

  • Private Darlehen: 43%
  • Bankdarlehen: 35%
  • Förderkredite: 23%
  • Zuschuss BA: 20%
  • Kontokorrentkredite: 12%
  • Beteiligungskapital: 6%

 

Venture Capital-Investitionen 2014:

  • Schweden: 0,065%
  • Finnland: 0,06%
  • Großbritannien: 0,04%
  • Frankreich: 0,03%
  • Deutschland: 0,025%

(Ausgewählte Länder im Verhältnis zum BIP des jeweiligen Landes, Studie S. 13)

 

Bürokratischer Aufwand für Unternehmensgründungen:

  • Deutschland: 10,5 Tage
  • Kanada 1,5 Tage
  • Großbritannien: 4,5 Tage
  • Frankreich: 4 Tage

(Ausgewählte Länder, siehe Studie S. 14f.)

 

Handlungsfelder (Auszüge aus den Ergebnissen der HHL-Delphi-Studie 2016):

  • Handlungsfeld Kultur: 79% der Experten sehen eine mangelnde Fehlerkultur als größtes Hindernis für Gründungen in Deutschland. 58% der Startup-Experten sagen, dass Gründer in Deutschland „kritisch beäugt“ werden.
  • Handlungsfeld Köpfe: Als wichtigste Verbesserungsmaßnahmen im Handlungsfeld gründungsrelevantes Wissen in Hochschulen werden die Erhöhung von interdisziplinären Studienangeboten (58%) und die Stärkung innovations-orientierterer Hochschulen (53%) genannt.
  • Handlungsfeld Kapital: 58% der Experten sehen die zu geringe Kapitalausstattung als Schwäche von Gründungen. 53% der Befragten fordern eine steuerliche Entlastung für Venture Capital-Investments.
  • Handlungsfeld Konditionen: 68% der HHL-Delphi-Studienteilnehmer fordern eine Reduzierung der Bürokratie. 63% der Experten empfehlen eine steuerliche Absetzbarkeit von Investments, um Gründungen zu fördern.
  • Handlungsfeld Kooperation: 68% der Experten sehen Akzeleratoren und Inkubatoren als wirkungsvollstes Unterstützungsinstrument für Gründer.

(HHL-Delphi-Studie 2016: Eingeflossen sind qualitative Beurteilungen und quantitative Antworten verschiedener Expertengruppen, um einen möglichst ganzheitlichen Blick auf die Gründungslandschaft in Deutschland zu nehmen. Hierzu wurden Gründer, Investoren, Vertreter von Forschungseinrichtungen und Universitäten sowie von Großunternehmen im Sommer 2016 befragt.)

 

Handlungsempfehlungen:

  • Praxisprojekt an Schulen: Eingliederung des Unterrichtsfachs „Wie entwickle ich eine eigene Geschäftsidee“ in der zehnten Klasse an Realschulen sowie in der Jahrgangsstufe elf am Gymnasium. Darin: Entwicklung einer Geschäftsidee, Kooperation mit Unternehmern. Eine Unterrichtsstunde pro Woche sowie drei Vollzeittage im Unternehmen eines (jungen) Unternehmers sowie ein Tag für Abschlusspräsentationen.
  • Interdisziplinäre Gründungsförderung an Hochschulen: Etablierung eines (clusterbezogenen) Gründernetzwerks zwischen verschiedenen Hochschulen und Forschungseinrichtungen einer Wissenschafts- und Innovationsregion.
  • Förderung von Unternehmensgründungen innerhalb von (Spitzen-) Clustern: Bessere Nutzung des Gründungspotenzials durch Etablierung einer Gründerplattform und eines Gründungscoutings im Clustermanagement.
  • Startup-Stipendium: Verringerung des persönlichen Risikos einer Unternehmensgründung für die Gründer in der Pre-Seed- und Seed-Phase. Einführung eines wettbewerblich vergebenen Startup-Stipendiums etwa in Höhe von 1.200 Euro pro Monat für die ersten sechs Monate und 800 Euro für weitere sechs Monate. Vergabe durch erfahrene dezentral agierende Institutionen wie etwa Inkubatoren, Akzeleratoren, Technologiegründerzentren oder Hochschulgründernetzwerke.
  • Erhöhung des verfügbaren Kapitals für Startup-Unternehmen durch bessere Investitionsbedingungen für private und institutionelle Anleger sowie für Kapitalgeber institutioneller Anleger.
    • Private Investoren: Ermäßigung bei Einkommensteuer bei Investitionen.
    • Institutionelle Investoren: Verzicht auf Umsatzsteuerpflicht bei Management von VC-Fonds.
    • Kapitalgeber institutioneller Anleger: Steuerpause für direkt wieder investierte Gewinne aus VC-Projekten.